Abgang des “Maestro”, Vorhang, Schluss.

“AUS” – so titelten die Dresdner Neusten Nachrichten heut morgen ihren Artikel, der mich vom zügigen Schlürfen meines Kaffees abbrachte und vielmehr zum zügigen Lesen und Kopfschütteln veranlasste. Grund: Fabio Luisi, bisheriger Chefdirigent der sächsischen Staatskapelle Dresden, hat, wie er gestern durch eine Pressemitteilung verlautbaren ließ, mit sofortiger Wirkung gekündigt.
Das war irgendwie überraschend – und irgendwie auch nicht. Dass er geht, war ja bereits schon seit dem vergangenen Jahr bekannt. Er teilte mit, dass er seinen zum Ende der Spielzeit 2011/2012 auslaufenden Vertrag nicht verlängern würde. Er begründete dies u.a. mit familiären Beschlüssen und unterzeichnete einen Vertrag, der ihn ab der Saison 2012/2013 zum Generalmusikdirekter des Opernhauses Zürich machen wird.

Warum nun also der vorzeitige, sehr radikale Schlussstrich? Luisi begründete seine Kündigung vor allem mit mangelhaften Absprachen. Er sah sich zurückgesetzt und fühlte sich in seinen vertraglich zugesicherten Kompetenzen eingeschränkt. Konkret ging es in diesem Falle um eine prestigeträchtige Übertragung des Silvesterkonzertes 2010 im ZDF aus der Semperoper, natürlich mit der Staatskapelle. An deren Pult soll allerdings, wohl auf Wunsch des ZDF, der designierte Dirigent der Staatskapelle, Christian Thielemann, stehen. Dieser wiederrum unterzeichnete nach denkbar kurzen Verhandlungen im vergangenen Jahr den Vertrag als Nachfolger Luisis.

Das Verhältnis Luisis zu Dresden und vor allem der Dresdner zu Luisi galt schon immer als gespalten. Zu Beginn der Saison 2007/2008 wurde der “Maestro”, wie er im allgemeinen genannt wird, mit großem Aufriss und viel Pomp in sein Amt eingeführt, Plakatkampagnen ließen ihn überlebensgroß im hiesigen Hauptbahnhof prangen und verglichen ihn mit großen Kapellmeistern vergangener Tage, wie etwa Richard Wagner oder Heinrich Schütz. Bald darauf jedoch folgte schon Ärger – der Maestro zeige ungenügend Präsenz und sei zu selten am Haus, hieß es. Auch seine ersten hauseigenen Produktionen, wie etwa Wagners “Meistersinger”, stellten sich nicht als Dauerbrenner und Publikumslieblinge heraus. Dem Gegenüber stehen jedoch von ihm angeschobene Projekte, wie etwa die (Wieder-)Einführung des Ranges eines Capell-Compositeurs (saisonweise), eine mehrteilige Aufnahmeserie verschiedenster Werke Richard Strauss’ sowie generell Luisis Bestreben, die Staatskapelle, schon aus historischen Gründen, zu einem führenden Strauss-Orchester zu etablieren.

Stand am Anfang vor allem die Freude der Dresdner, mit ihrem neuen, lebhaften Generalmusikdirektor eine neue Zeit in der künstlerischen Leitund der Staatskapelle eingeläutet zu sehen, so beherrschten zunehmend Dissonanzen die Töne über Fabio Luisi. Auch in der Presse zeichnete sich ein immer me von Missstimmung geprägtes Bild Luisis ab, welches sich nach seinem angekündigten Wechsel und der schnellen Neuverpflichtung Thielemanns noch verstärkte. Hinzu kamen die häufigen, krankheitsbedingten Ausfälle der letzten Zeit, durch welche immer wieder andere Dirigenten kurzfristig für ihn einspringen mussten. Auch für die aktuelle Tournee der Staatskapelle sowie das vorhergehende Sinfoniekonzert musste kurzfristig Ersatz gefunden werden – was natürlich auch immer mit einer Programmveränderung verbunden ist.

Als offiziellen Grund für seine Kündigung, die im Kultusministerium übrigens erst nach Veröffentlichung der Pressemitteilung per Email einging, nannte Luisi “unterschiedliche Auffassungen zu den künstlerischen Kompetenzen und letztendlich zur künstlerischen Ausrichtung der Sächsischen Staatskapelle Dresden”. Übersetzen könnte man dies im freundlichsten Falle mit “Ich bekomme nicht genügend Kompetenzen zugetraut.”, im überzeichnetsten allerdings auch mit “Ich möchte bestimmen – die anderen reden mir zu viel rein.”. Ob dies in Zürich besser gelingt als in Dresden bleibt abzuwarten.

Was allerdings nun bevorsteht ist das große Suchen: Christian Thielemann ist bis 2011 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, über einen vorzeitigen Wechsel bleiben also nur Spekulationen. Die Konzerte der laufenden Saison, für die Fabio Luisi als Dirigent vorgesehen war, werden wohl von Gastdirigenten übernommen werden.

Es ist müßig zu darüber zu streiten, ob sein sofortiger Rücktritt eine übereilte Kurzschlussreaktion und überhaupt angemessen ist. Fakt ist: Er geht, und er wird auch nicht noch Mal mit sich reden lassen. Was mit all den offenen Projekten, den noch ausstehenden Konzerten und den noch geplanten CD-Aufnahmen ist, bleibt fraglich. So wird die angefangene Strauss-Reihe wohl ein Fragment bleiben.

Ob seinem Ruf ein derart übereilter Abgang guttut, ist sicherlich nicht mehr das Problem der Dresdner Leitung. Was man aber auch sagen muss, ist: Einen viel schlechteren Termin hätte sich Luisi nicht aussuchen können. In wenigen Tagen, am 13. Februar, beginnt in der Dresdner Semperoper die Festwoche anlässlich des 25. Jahrestages ihrer Wiedereröffnung mit vielen Veranstaltungen. Ich denke, auf den nun unfreiwillig erstandenen Bonus an Publicity hätte man in diesem Zusammenhang auch gut verzichten können. Fairer wäre es wohl gewesen, ein weniger überstürztes und besser kommuniziertes Ende der Verbindung Semperoper-Fabio Luisi zum Ende der Spielzeit langsam herbeizuführen. Beiden Parteien wäre somit die Chance gegeben, ihr Gesicht zu wahren. Luisis doch recht impulsiv erscheinende Entscheidung wirft dunkle Schatten auf das 2007 so farbenfroh von ihm gezeichnete Bild des Italieners in Elbflorenz.

0 thoughts on “Abgang des “Maestro”, Vorhang, Schluss.

  1. Ich kenn da jemanden, der ist gerade frei geworden. Kennt sich gut aus in Sachsen.. *duckundweg*

    Aber Im Ernst: Scheint eine ziemliche Diva zu sein, der Gute. Und gegen die derzeitige mediale Präsenz eines Thielemann hat man eh schlechte Karten. Der Dirigent kann/soll bei einem Silvesterkonzert, das ja auch noch mit dem Berliner Konzert konkuriert(stimmt das?) sicher auch Quote bringen. Und da ist Thielemann dezeit schlecht zu schlagen. Dresden und Strauss, das ist natürlich Pflicht. Thielemann ist diesem Repertoire aber auch nicht abgeneigt. Spannend, halte uns bitte auf dem neuesten Stand!!

  2. Ich glaub Dissonanzen hin oder her. Kompetenzregelungen hin oder her. Im Endeffekt geht es immer und ja immer nur um eines. Geld. Ich wette in Zürich hat man ihm beim sofortigen Wechsel ordentlich Kohle geboten, und dem kann niemand widerstehen. Warum sollte man auch?

  3. nee, das glaube ich wirklich nicht. die haben ja noch eine besetzte stelle. so viel geld haben auch die nicht, dass sie abfindung und neues, nicht zu geringes, gehalt bezahlen können. ich denke wirklich, dass es in diesem falle um persönliche eitelkeiten geht.

    außerdem hat der gute fabio auch sonst noch genug zu tun: er dirigiert ja noch dieverse andere orchester und wird auch noch viel in den staaten dirigieren in diesem jahr… das wird ihm schon reichen. finanziell geht's dem bestimmt nicht ganz mies.

  4. Ich denk auch, dass es ihm wohl nicht ums Geld sondern ums Ego geht bzw. ging. Bin sehr gespannt auf seinen Nachfolger!
    Super Zusammenfassung übrigens, ich hatte davon zwar irgendwie was mitbekommen, aber die Zusammenhänge hatte ich jetzt nicht so parat gehabt. Halt uns auf dem laufenden 🙂

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