Die böse Fratze der Klassikgemeinde

Man könnte meinen, das Publikum, des internationalen (!) Musikfestes Hamburg wäre ein tolerantes Publikum. Eines, das neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen ist. Das sich interessiert für das Weltgeschehen außerhalb der kulturellen Kapsel. Das Manieren hat und sich zu benehmen weiß. Allerdings hat das Hamburger Publikum nun bereits zum zweiten mal innerhalb weniger Tage gezeigt, wie es sich seinen Konzertabend vorstellt: bequem, ohne Ecken und Kanten, ohne Nachdenken und erst recht ohne kritische Untertöne.

Was war geschehen? Im Rahmen des Internationalen Musikfestes Hamburg, welches in diesem Jahr unter dem Titel “Freiheit” steht, buhten die Zuschauer. Neu dabei: Diese lautstark mitgeteilte Ablehnung wurde nicht etwa Maurizio Pollini zuteil, sondern einem 18-jährigen Flüchtling, der vor dem Konzert (Pollini spielte Schönberg) von der Unfreiheit in seinem Herkunftsland berichtete.

Natürlich ist das unerhört und eine Dreistigkeit sondergleichen. Mit viel gutem Willen könnte man aber noch argumentieren, dass in diesem Fall die Entscheidungsträger, die für die Einspielung dieser Sequenz vor Beginn des Konzertes verantwortlich sind, gemeint waren – auch wenn es den Akt an sich nicht weniger unmöglich und verurteilenswert macht. Allerdings scheinen es die miesepetrigen Buh-Rufer, deren Komfortzone es nicht mal erlaubt, nachdenkliche Worte vor einem Konzert (welches, sind wir mal ehrlich, zu einem Luxusgut gehört, das einige für absolut selbstverständlich halten) zu hören („ertragen“) und darüber zu reflektieren, warum diese zu Gehör kommen, ernst zu meinen: Auch vor dem gestrigen Konzert des Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons wurde der Bericht eines Geflüchteten eingespielt, auch vor diesem Konzert wurde gebuht.

Da ist sie wieder, eine entsetzliche Erscheinung: Die böse Fratze der Klassikgemeinde, die nichts zulässt, was neben ihrer angeblich „gutbürgerlichen“ Meinung noch existiert. Die Toleranz nach und nach aus ihrem Wortschatz löscht und die „Anstand“ für die Schlange hält, in die man sich für die besten Karten stellt. Diese Vorfälle zeigen, wie wichtig es einmal mehr ist, dem nicht nachzugeben und genau solche Aktionen noch zu vertiefen. Die Komfortzone all jener, die sich schon an Worten vor einem Konzert so stören, dass sie die danach auftretenden Musiker mit ihren Buh-Rufen irritieren, liegt allein um ihr eigenes Ego und zeigt, dass im Klassik-Bereich eben nicht alle so tolerant sind, wie sie es gern propagieren. Internationalität ist eben auch für ein Festival weit mehr, als nur Künstler aus aller Welt einzuladen.

10 thoughts on “Die böse Fratze der Klassikgemeinde

  1. Das “gutbürgerliche” Publikum entlarvt sich selbst – arrivierte Ignoranten! Wollen diese wirklich Musik hören (mit aller intellektueller und auch historischen Anstrengung ) oder gehen sie irgendwohin, weil man hingeht, um dabei gewesen zu sein. Und jede Abweichung von der Behaglichkeit z.B. durch “moderne” Musik oder zeitgeschichtliche Verortung wird -immer pöbelhafteter – sanktioniert.

    1. Ja, leider wird das Pöbeln offenbar salonfähig. Natürlich regen sich hinterher genug darüber auf – aber wie furchtbar, dass es offenbar Leute gibt, deren Selbstverständnis es ist, eine Veranstaltung, die nicht zu 100% nach ihren Erwartungen verläuft, einfach stören zu können? Nach Köln hatte ich den Funken Hoffnung, dass die Rückmeldungen aus der Öffentlichkeit etwas gebracht haben, aber dem war wohl offenbar nicht so. Der Trend nimmt immer mehr zu, und obwohl auch ich der Meinung bin, dass sich diese Ignoranten damit selbst entlarven – es hat für sie keinerlei Konsequenzen und wird somit wohl auch weitergehen.

      1. Ich möchte das keinesfalls gut heißen, aber sind drei (vor)fälle – selbst so kompakt wie mit Köln & 2x HH – nicht ein wenig wenig, um daraus einen Trend ableiten zu können?

  2. Ich würde betonen wollen, dass es keinesfalls um “das Publikum” und “die Klassikgemeinde” geht, sondern um einzelne Störer, zudem würde ich Köln und Hamburg auseinanderhalten wollen, in Köln ging es um Musik, die boykottiert wurde, in Hamburg um einen politischen Vorspann. Schönberg tut nichts zur Sache, Pollini spielte noch andere Werke. Kann man von einem “Trend” sprechen, wenn zwei Buh-Veranstaltungen medial Beachtung finden? Ich habe, ohne eine Systematik oder eine messbare Veränderung feststellen zu können, über Jahrzehnte immer mal hier und da solche Zwischenfälle erlebt. Ich halte derzeit die allgemeine (politische) Stimmung aber für so sensibel, dass diese Dinge mehr Aufmerksamkeit erhalten, als sie eigentlich müßten. Damit wären wir aber bei dem Thema der Gebärung von Relevanz…

    1. Was das Musikalische angeht geb’ ich dir völlig Recht, und auch bei den Unterschieden zwischen Köln und Hamburg habe ich wohl misslich formuliert. Da ging es mir tatsächlich darum, dass ich es gelinge gesagt ganz schön fies finde, einen Künstler in der Ausübung seiner künstlerischen Tätigkeit (oder kurz davor in der Konzentrationsphase) mit einem so grundlegenden Mamgel an Anstand zu stören.
      Das Gebärung von Relevanz-Argument kann ich auch verstehen, aber ich teile es nicht so recht. Zumal die Berichterstattung über diese Vorfälle sich echt in Grenzen hält. Ich denke dass es wichtig ist, mal aufzuzeigen, wo auch das Publikum Fehler macht. Klar sind das vor allem einzelne Störer, aber in Hamburg waren es doch wohl mehr als Einzelpersonen. Und natürlich ist die Formulierung der Klassikgemeinde überzogen, aber solche Personen zählen sich doch meist zur Hardcore-Fanbase…

  3. Es tut mir leid, aber Ich sehe sehr wohl einen neuen bedenklich Trend in diesen Vorfällen. Es mag ja sein, dass solche Leute in der Vergangenheit ähnliche Ansichten hegten. Meiner Erfahrung nach, sind sehr viele Konzertbesucher schon (erz)-konservativ in ihren politischen Ansichten. Aber in der gegenwä­rtigen Situation, in Zeiten von Pegida und AfD, wagen sie sich mehr aus der Deckung. Es ist sa­lon­fä­hig geworden, solchem Gedankengut in der Öffentlichkeit Ausdruck zu geben.
    Und ob es in Köln ober­fläch­lich gesehen “nur” um “moderne” Musik ging und in Hamburg ganz konkret um die Flüchtlingsfrage, ist einerlei.
    Solche Konzertbesucher meinen offensichtlich das Recht zu haben, Andersdenkende und Andersaussehende öf­fent­lich anzupöbeln, nur weil sie sich in ihrer Kleinbürgerlichkeit gestört und intellektuell überfordert fühlen.
    Man sollte dieses unerträgliche Verhalten nicht herunterspielen und vor allem nicht tolerieren.

    1. “Man wird ja mal sagen dürfen” ist i d.R. die Einleitungsformel zu rechten Sprüchen. Glaubt man in Zeiten von Pegida und Kameraden nun laut sagen und zeigen zu dürfen, was man vorher gedacht oder nur als dumpfes unreflektiertes Gefühl empfunden hat? Die Hemmschwelle ist eine sinnvolle Einrichtung der Natur. Sie scheint bei diesen Leuten immer niedriger zu liegen.

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