Herzlichen Glückwunsch, Herr Mahler!

Wir feiern in diesem Jahr, groß beworben, den 200. Geburtstag Robert Schumanns.
Heute feiern wir jedoch, weniger groß beworben, den 150. Geburtstag Gustav Mahlers. Ein Mann, dessen Lebensgeschichte, ähnlich der Robert Schumanns, vorzüglich für die Medien verwertbar ist. Gut, es gab keinen Rechtsstreit um eine Hochzeit, dafür aber persönliche Tragödien am laufenden Band. Und Schumannsche Zerissenheit findet man bei Mahler, wenn auch nicht als Floristan und Eusebius überdeutlich gekennzeichnet, auch.

Wie gut sich Gustav Mahler “verwerten” lässt, sieht man am aktuellen Filmgeschehen: Mit “Auf der Couch” ist ein Film erschienen, welcher die Psychoanalysesitzung Mahlers bei Sigmund Freud widerspiegeln will. Ja, Mahler war bei Freud, und Freud war beeindruckt von Mahler. Natürlich hatte dieser Probleme, sonst wäre er nicht zu Freud gefahren oder mit ihm in Briefwechsel getreten. Gustav Mahler, der sich irgendwie immer fremd und zwischen den Stühlen sitzend fühlte und stets das Gefühl hatte, verlassen zu werden. Ohne Freud’sche Kenntnisse zu besitzen kann man sagen: Kein Wunder, wenn man zeitig umzieht, der Vater die Mutter krankenhausreif schlägt und Geschwister und Eltern sterben. Schlimmer noch: Wenn später das eigene Kind stirbt und einem die Frau, die man so sehr liebt, fremdgeht. Wenn man jüdisch erzogen wurde, dann aber zum Katholizismus konvertiert, trotzdem sich von antisemitischen Tendenzen angegriffen sieht. Wenn man einerseits gefeierter Dirigent ist, andererseits zum Komponieren nur in den Sommerferien in einer einsamen Hütte Zeit hat und über beidem seine Familie wenig sieht. Wenn man entsetzlich Angst davor hat, eine Neunte Sinfonie zu komponieren, weil so viele Große vor ihm schon an der Neunten gestorben sind. Wie viel Stoff für ein Heldenleben! Da kann Robert Schumann mit seiner behüteten Verleger-Kindheit einpacken! Und Alma Mahler geb. Schindler, deren Mann ihr das Komponieren nach der Ehe verbietet, stellt beinahme Clara Schumann geb. Wieck in den Schatten. (Überhaupt: Wie gegensätzlich die beiden doch sind! Clara als stilisierte Übermutter mit Job, diverse Kindern und zunehmend geisteskrankem Mann, Alma mit Kindern und als Gesellschaftsdame, heute würde man wohl Charity-Lady sagen, und mit Gropius und Werfel als Ehemann Nr. 2 und 3 und diversen Affären. Aber das sei nur am Rande erwähnt.)

Gustav Mahler als Mann zwischen den Stühlen also. Kritiker werfen ihm vor, die Stühle regelrecht um sich selber postiert zu haben. Gustav Mahler, ein Egoist, Egozentriker gar? Ich würde nicht so weit gehen. Egoistisch und völlig Subjektiv in ihren Betrachtungsweisen sind doch alle Komponisten. Mit der Vertonung seines Innenlebens steht Mahler ja weiß Gott nicht allein auf weiter Flur! Zwischen vielen Stühlen jedoch durchaus. Man sieht Mahler übertrieben bildlich gesprochen regelrecht auf einer Türschwelle stehen. Er gilt als Wegbereiter in die Moderne und schert sich in vielerlei Hinsicht nicht um gängige Konventionen. Er vertont, was er für vertonenswert hält, häufig ins Extreme überzeichnet. Gerade in seinen Sinfonien, deren z.T. nicht ganz gewöhnliche Satzzahlen schon “irgendwie anders” waren, finden sich diverse mit seiner Biographie verknüpfte, ungewöhnliche Einflüsse: Er scheut nicht davor zurück, jüdische oder ländliche Musik einfließen zu lassen, sogar Kuhglocken verwendet er. Neben Volksliedern kann man auch Vogelstimmen hören. Gegensätzlich dazu kommen wieder schwere, “kopflastige” Stellen, es ertönt geradezu wagnerisches Blech. An anderen Stellen wiederum erklingen die lyrischsten Passagen, die man sich nur vorstellen kann. Mahler, der große Leser, vertont auch gern. Von übersetzter chinesischer Lyrik über Klopstock bis Nietzsche ist viel dabei. Überhaupt fällt auch seine Nähe zum Lied auf – Nicht zuletzt ganz besonders im “Lied von der Erde”, den “Kindertotenliedern” oder den “Lieder[n] eines fahrenden Gesellen”. (Und auch hier winkt Robert Schumann, der Liedkomponist, wieder um’s Eck!). Auch verwendete er gern Effekte wie z.B. das erklingen “ferner” Musik (z.B. Hörner, die hinter der Bühne spielten), extreme Glissandi oder Schläge der Streicher mit dem Bogen auf ihre Saiten.

Vieles wurde dem Komponisten Mahler vorgeworfen. Er würde sich zu sehr bei anderen bedienen, ja kopieren wollen (Wagner, Bruckner), er würde sich zu sehr bei sich selber bedienen, er wäre zu egoistisch, seine Musik wäre zu kompliziert und unverständlich, dafür an anderen Stellen wieder zu profan und vieles mehr. Sicherlich war, was er komponierte, damals neu und für viele schwer verständlich. Einem Gustav Mahler dies aber heute noch vozuwerfen, wie es durchaus noch einige tun, ist kaum angebracht. Gott sei Dank ist Mahler ein gern gespielter Komponist in deutschen Konzertsälen und seine Sinfonien sind beliebt. Und das sicherlich auch weil sie reich an Effekten und Gegensätzen sind! Gustav Mahlers so breitgetretene “Schwächen” sind, so tragisch sein Leben doch war, absolute Stärken.

Warum also kein Mahler-Jahr 2010? Nun, wir haben Glück im Unglück und gönnen Robert Schumann die Beweihräucherung durch das Jahr 2010. 2011 jährt sich der Todestag Gustav Mahlers zum 100. Mal. Wenn das nicht Grund genug für ein Mahler-Jahr 2011 ist!

0 thoughts on “Herzlichen Glückwunsch, Herr Mahler!

  1. Ich finde es immer wieder erstaunlich mit welchen Personen du dich so beschäftigst. Das ist ja direkt Bildungsbloggen bei dir, bitte weiter so. Es sei denn du willst jetzt auch noch GEZ Gebühren dann verurteile ich das hier natürlich 🙂

  2. rebhuhn: sehr gern 🙂 ich glaub dir das sehr! würde ich auch gern mal… aber naja, falsches instrument gewählt, würde ich sagen 😉

    @hasselhoff: okay, dann lass ich das lieber 😉 ich geb mir mühe! 🙂

  3. Schön geschrieben. Mit dem Film hab ich ja auch so meine Probleme, obgleich noch gar nicht gesehen…2011 würde ich ja zu gerne Allan Pettersson http://www.pettersson100.de überlassen, damit er endlich bekannter wird (und Mahler ist ein guter Einstieg für AP). Aber Mahler ist nun mal einer der ganz großen…

  4. Nun, vielleicht können wir uns auf einen quasi halbjährlichen Kompromiss einigen. im Frühjahr Mahler, am Juli dann Pettersson… das würde auch von den Geburts- bzw. Sterbedaten her hinkommen. 😉

    Im Ernst: Ich gönne es Pettersson auch! Und ich denke dass dieses Jubiläum wohl trotzdem Grund genug sein wird, seine Werke vermehrt aufzuführen. Hoffe ich. Da muss sich doch kein Intendant erst groß was zu aus den Fingern saugen, wenn er ein Jubiläum vorweisen kann…

    Zum Film: Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr überlege ich, mir den Film tatsächlich mal anzuschauen. Aus purer Neugierde. Und so selten, wie ich ins Kino gehe, wäre das gleich mal ein Anlass. Zumal ich schon diesen Stravinsky-Film nicht gesehen habe. Und das trotz Mads Mikkelsen, einem der erwiesener Maßen ansehnlichsten Leinwandwandakteure! 😉

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