Blood, Hamam & Tears: Wagners “Parsifal” zur Festspieleröffnung in Bayreuth

Viel wurde im Vorfeld gesprochen über den Parsifal der diesjährigen Bayreuther Festspiele – erst switcht (gemütliche 2 Jahre vor der Aufführung) die Inszenierung von Jonathan Meese zu Uwe Eric Laufenberg, dann, unentspannte dreieinhalb Wochen vor der Premiere, der Taktstock von Andris Nelsons zum Hügel-Debütanten Hartmut Haenchen. Hinzu kamen das forcierte Sicherheitskonzept und der abgesagte Empfang vor der Premiere – bei all dem Trubel blieb gar keine wirkliche Zeit, sich vorher mental mal auf das Kommende vorzubereiten. Hängengeblieben war lediglich vor allem, dass man auf Teufel komm raus verhindern wollte, diesen Parsifal als einen islamkritischen anzusehen. Es gehe „um die kriegerischen Umstände in den Krisengebieten der Welt“, so Laufenberg, völlig religionsunspezifisch.

Blood, Hamam & Tears

In einer (leicht heruntergekommen) Kirche, die wohl als Flüchtlingslager genutzt wird, aber offensichtlich eine MuFu-Kirche, eine Multifunktionskirche ist, denn sie beinhaltet auch eine XXL-Badewanne mit Whirlpool. Ist sie schon entweiht? Man weiß es nicht, aber man sieht die deutlichen Schäden, die das Gebäude durch die außen herrschenden Kriegszustände erhalten hat. Nicht nur die Kirche, sondern das ganze Christentum scheint unter Beschuss. Hier ist also nichts in Ordnung – außer vielleicht Gurnemanz, verkörpert von einem nicht nur stimmlich brillanten, sondern auch souverän (wenngleich vielleicht etwas statisch) agierenden Georg Zeppenfeld. Er scheint der einzige zu sein, der die Lage noch halbwegs unter Kontrolle hat, denn Gralskönig Amfortas ist zu schwach, seine Wunden sind stark und die Verzweiflung ist groß. Da helfen weder Kundry (gefiel mir gut: Elena Pankratova) noch der (mit schickem Haarschnitt versehene – ehrlich, das sollte er dauerhaft in Betracht ziehen! -) jugendliche Parsifal (Klaus Florian Vogt). Mit der Zelebrierung des Abendmahls stellt sich dann allerdings der Moment ein, der etwas Stirnrunzeln ob der Inszenierung hervorruft: Amfortas als Jesus mit Dornenkrone, dessen Wunde geöffnet wird, damit die anderen sein Blut zum Abendmahl trinken können. Gleich einer Selbstopferung liegt er auf dem (Badewannen)-Altar. Eine solche Religion kann irgendwie weder Spaß machen noch wirklich gut sein, aber der Pinsel, mit dem das gezeichnet wurde, war doch etwas groß. Ebenso wie die Videoeinspielung zur Verwandlungsmusik sich als im Gegenständlichen Sinne groß erwies: Gleich einem Windows-Bildschirmschoner zoomte die Kamera aus Kirche und Land hinaus, vorbei an Planeten durch alle Galaxien in eine weit entfernte Galaxis… ach nee, das war was anderes.

Hamam-Party

Nun sollte es ja aber keinesfalls diskriminierend zugehen, und so wurden auch ein paar platte Islam-Klischees bedient: Die zunächst eingesperrten Blumenmädchen, die aus ihren Burkas schlüpften, um leicht bekleidet den (nicht so leicht bekleideten) GI-Parsifal im Hamam ins Tauchbecken zu ziehen, kommen gleich mit einer ganzen Hand voll Orient-Klischees an. Ansonsten wird einfach viel herumgestanden, herumgesessen und herumgeplantscht. Hätte diese Bühne eine Heatmap, wie wir sie von der Fußball-EM kennen, gäbe es vor allem grüne Bereiche. Über die verschleierten Frauen hinaus geht der Islam-Touch der Oper übrigens nicht. Wo genau war jetzt noch mal der Punkt, an dem man Angst vor einer Islamkritik haben musste? In Erinnerung bleibt hingegen eher der mehr als skurrile Kreuz-Dildo, mit dem Klingsor zwischenrein mal herumfuchtelt.

Wagner löst sich auf…?

Auch Akt drei ist nicht unbedingt von lebendigem Schauspiel geprägt. Hölzerne Riesenblumen, die in die noch weiter verfallene Kirchenruine hineinragen, symbolisieren die bereits völlig zugewachsene Architektur, in welcher der gealterte Gurnemanz und auch die scheinbar uralte, ihm durch seine Hilfe zu Dank verpflichtete Kundry nun leben. Auftritt GI-Parsifal. Was jedoch im dritten Akt alles überstrahlt ist der Karfreitagszauber: Wundergleich fällt Regen in der Wüste, woraufhin adrette Damen in hübscher Kleidung und ganz ohne Kleidung angehopst kommen und im Regen tanzen. Danach reiht man sich in trauter Einheit zusammen wie für’s Familienfoto: Ein Wunder! Es folgen der visualisierte Tod von Amfortas’ Vater Titurel und von Kundry, dargestellt in einer Videoprojektion, in der ihre Abbilder, gleich Gips-Totenmasken, langsam in einem Schleier aus Wasser verschwinden, sich gleichsam auflösen. Was bleibt von uns? Nicht viel… Warum allerdings sich auch Wagners Totenmaske sich im selben Regen auflösen muss, bleibt wohl etwas, nämlich ein Geheimnis.

Erlösung dem Erlöser

Stärker hingegen der Schluss: Angehöriger aller Religionen bedrängen Amfortas in ihrer Angst vor weiterem Zerfall, die Gralszeremonie durchzuführen; der jedoch hält alles nicht mehr aus und will seinem Vater in den Tod folgen, er bedrängt die Umstehenden, ihn zu ermorden. Was sie nicht tun, denn zur Freude aller läuft (!) Parsifal ins Geschehen und schließt mit dem Speer-Kreuz Amfortas’ Wunden. In einem letzten, starken Standbild werden die Zeichen aller Religionen in Titurels Sarg geworfen: Gewalt wird überwunden, “Erlösung dem Erlöser”! Es mag kitschig anmuten, war es aber in diesem Falle nicht.

Viel wurde im Nachhinein gesprochen über die Inszenierung. Auch wenn Eleonore Büning im Nachgang von “schlechtem Stadttheater” sprach  – wirklich schlecht war diese Inszenierung jetzt nicht. Sie war sehr statisch, an einigen Stellen zum Stirnrunzeln, an anderen zu verkitscht. Sie bot weniger Doppelbödigkeit als gewünscht und kaum Reibungspotential. Vermutlich ist “solide” für Bayreuth eine Beleidigung, aber eigentlich ist sie das: solide (mit einem roten Minus, wie meine Deutschlehrerin gesagt hätte).

Mehr als solide war hingegen Hartmut Haenchens Leistung (und die des Orchesters): zielstrebig geführt aber ohne zu überstürzen war das eine sehr überzeugende Leistung. Ebenso die Sänger: Zeppenfeld mit kräftiger Stimme meistert sanglich-erzählerisch alle seine Aufgaben, Elena Pankratova als Kundry ist sicher in allen Höhen und Tiefen (und spielt zudem noch besser als ihre Kollegen). Klaus Florian Vogt ist sicher auch abseits seiner ohnehin großen Fangruppe erhaben über jeden Zweifel und meistert das Spiel der unterschiedlichen Lebensalter nicht allein durch die schicke Perücke. Etwas kraftvoller hätte der Amfortas von Ryan McKinny ausfallen können, aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau.

Das schöne an Live-Übertragungen ist ja, dass man sie nachher meist nochmals bewundern kann. So auch hier: BR Klassik stellt den Stream noch eine Zeit lang zur Verfügung.

Das nächste schöne an Life-Übertragungen ist die Live-Kommentierung via Twitter. Allen, die das nachempfinden möchten, sei der Hashtag #BFParsival empfohlen.

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